Was macht eigentlich eine Sexualtherapeutin?

Julia Henchen ist Sexualtherapeutin und -pädagogin – und hat gerade ihr erstes Buch rausgebracht. Es geht um die Erkundung des eigenen Körpers, um ein Kennenlernen unserer Bedürfnisse und ein "Unlearning" von Scham und alten Denkmustern. Im Interview erzählt sie von noch besserem Solosex, vom Jungfernhaut-Mythos und gibt konkrete Handlungsanleitungen.

 

 

Nele Tüch: Du bist Paar- und Sexualtherapeutin, als auch Sexualpädagogin. Wie bist du auf diesen Karriereweg gekommen?

Julia Henchen: Mein Interesse galt schon immer den Beziehungen und den Bindungen - warum verlieben wir uns? Ich hatte selbst immer große Fragen, wollte mich verstehen. So kam ich zum Beruf der Therapeutin und das Thema Sex gehört da eben dazu.

 

NT: Du hast gerade dein erstes Buch herausgebracht. Worum geht’s?

JH: Solosex – wie können wir ihn genießen, wie kann er uns helfen, uns selbst anzunehmen, uns gut zu fühlen und was braucht es, um die eigene Sexualität zu verstehen? Ich räume mit Mythen und falschen Vorstellungen auf und zeige meine Haltung zum Thema.

 

NT: Was wünschst du dir, was Leser:innen von deinem Buch mitnehmen sollen?

JH: Sex ist toll, definiert aber nicht dein Leben! Es kann sich toll anfühlen, es ist aber auch ok, wenn wir mal keine Lust haben.

 

NT: In deinem Buch gibt es ganz konkrete Handlungsanleitungen und Übungen. Kannst du uns eine Übung verraten?

JH: Zum Beispiel geht es darum, die Vulva als Teil des Körpers wahrzunehmen – dafür kannst du deine Vulva mit deiner Hand spüren, sie auflegen und einfach einmal schauen, wie sich das anfühlt. Was denkst und fühlst du dabei? Es geht dabei erst einmal gar nicht darum, Solosex zu haben, sondern sich mit seinem Körper zu identifizieren, die Vulva als Teil wahrzunehmen.

 

NT: In “Lustfaktor” geht es vor allem darum, herauszufinden, was man selbst will – ob es um partnerschaftlichen Geschlechtsverkehr oder um das Solo-Vergnügen geht. Wie hast du für dich selbst rausgefunden, was du willst?

JH: Indem ich mich und meine Wünsche und Bedürfnisse ernst genommen habe. Dies war und ist nicht immer leicht, denn es kann schmerzhaft sein, seine Vergangenheit und seine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen – aber es lohnt sich. Sehr!

 

Lustfaktor, das neue Buch von Sexualtherapeutin Julia HenchenFoto-Credit: Kim Hoss
 

NT: Mit deiner Arbeit auf Social Media willst du aufklären und Tabus brechen. Welche Tabus müssen heute denn immer noch gebrochen werden?

JH: Es sind leider noch sehr viele: Vom Mythos des Jungfernhäutchens bis hin zum Mythos, dass wir nur gesund leben würden, wenn wir regelmäßig Sex hätten. Wir vergleichen uns ständig und machen uns Druck – dabei soll sich Sex doch einfach gut anfühlen.

 

NT: Wir leben in einer sexuell aufgeklärten Bubble und sind uns sicher, dass wir uns mit den sexuellen Basics gut auskennen. Was sind Dinge, die immer noch und oft falsch gemacht werden?

JH: "Falsch gemacht" ist "falsch gelernt", vor allem alles was Bindung, Gefühle aber auch Anatomie angeht. Aber da lernen wir alle immer wieder neue Dinge.

 

NT: Du arbeitest unter anderem als Paartherapeutin, was sind Probleme, die immer wieder auftauchen und wie können sie gelöst werden?

JH: Sexuelle Unlust, Orgamusschwierigkeit, Affären, Libidoverlust, Erektionsschweirigkeiten, frühzeitiger Samenerguss. Die Lösung ist dabei sehr individuell.

 

NT: Toys und Zusätze, wie Gleitgel, können das Sexleben bereichern. Wie integrierst du sie in deine Therapie oder deine Beratungen?

JH: Sie sind immer Thema, wenn es darum geht den Solosex zu verändern oder sich damit auseinanderzusetzen.

 

NT: Als Letztes würde ich gerne wissen, welche deine letzte große Erkenntnis war.

JH: Dass es verdammt anstrengt ist, ein Buch zu schreiben.

 

 

Erfahre noch mehr über sexuelle Mythen: Zum Beispiel über den, der immer-feuchten Vulva. Warum bei vaginaler Trockenheit kaum jemand zu Expert:innen geht und was wir gegen das Problem tun können. Jetzt hier lesen!

 

Autorin:
Nele Tüch
Nele ist Content und Social Lead von nevernot und schreibt Artikel an den Schnittstellen von Themen, wie sexuelle Befreiung, Feminismus und Gender-Theorien.