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Wo das Echo endet – ein Interview mit Mirna Funk

Wo das Echo endet – ein Interview mit Mirna Funk

Wo das Echo endet, beginnt Mirna Funk. Oder: Wo Mirna Funk beginnt, endet das Echo. Tagtäglich bewegen wir uns in emanzipiert-feministischen Bubbles – wir sitzen in unseren Echo Chambers und hören uns selbst beim Reden zu. Das tun wir gerne, beim Aperol Trinken, über unserem Bibimbap oder der ironischen Currywurst, und nach dem Strong Barre Kurs oder der Missy-Lektüre. Denn wenn wir so über Politik, Gesellschaft, manchmal auch Wirtschaft, und vermeintlich verurteilend über Pop-Kultur und Social Media reden, fühlen wir uns smart. Dabei bewegen wir uns im Kreis, zitieren die Überschriften der News-Artikel, die wir nicht gelesen haben und stimmen uns gegenseitig zu. Den neuen Input dieser Art von Schulter-Klopf-Konversationen bekommen wir durch drei abonnierte Nachrichten-Kanäle und den Meta- und Twitter-Algorithmus. Unser Diskussionsfutter ist also genau auf uns abgestimmt und genau deswegen, diskutieren wir nicht mehr richtig. Wir haben es verlernt.

 


Was aber, wenn jemand aus dem Inner Circle der feministischen Berlin Blase, gegen den Strom schwimmt und es wagt einfach mal anders über das Erreichen von Gleichstellung zu denken und sogar zu schreiben? Das erste Sachbuch Who Cares! von Autorin, Journalistin und Drehbuchautorin Mirna Funk polarisiert: Es geht um die Freiheit Frau zu sein, darum, dass es keine Emanzipation ohne finanzielle Unabhängigkeit gibt, darum, dass wir Selbstverantwortung übernehmen müssen und nicht all unsere Probleme dem Staat oder dem Patriarchat anlasten können. Dabei wird über einen jüdischen Freiheitsbegriff, über das Muttersein, über eine Ost-Kindheit und Mirnas Leben geschrieben. Das Buch trifft einen Nerv, es tut weh, und nicht Jede:r wird mit Mirnas Ideen übereinstimmen. Aber die Diskussion, die wir über dieses Buch führen, ist eine echte: Meinungen kollidieren, Köpfe werden geschüttelt, es wird nachgedacht. Mirna schreit in den Raum, aber es kommt kein Echo zurück: Was zurückkommt, sind eigene Geschichten, Gegenargumentationen, Lobpreisungen, Unverständnis und Danksagungen – und das wichtigste: eine wiederentdeckte Streitkultur!

 

Wir haben mit Mirna über ihre Definition vom Mainstream-Feminismus, über Laberprofis, finanzielle Unabhängigkeit und natürlich ihr neues Buch gesprochen.

 

Mirna Funk zum Buch-Launch Who Cares!

 

Nele Tüch: In deinem Klappentext wird bereits erwähnt, dass dich dein Frauenbild von dem des aktuellen Mainstream-Feminismus radikal unterscheidet. Also zunächst einmal: Was ist denn das Frauenbild im Mainstream-Feminismus?

Mirna Funk: Eines, in dem Frauen primär Opfer sind. Die Opfer des Patriarchats. Die Opfer des Systems. Die Opfer des Kapitalismus. Die Opfer der Anforderungen der Gesellschaft. Es ist eine passive Rolle, in der die längst existierenden Freiheiten, in keiner Weise berücksichtigt werden. Ja, die Geschichte zeigt, dass den Frauen sehr viel Ungerechtigkeiten widerfahren sind, aber jetzt sind wir vor dem Gesetz gleich. Das ist unser Status Quo. Uns geht es besser als den meisten Frauen im Rest der Welt und besser als allen Frauen vor uns. Das sollten wir bei allem Gemecker bloß nicht aus den Augen verlieren.


NT: Und wie unterscheidet sich dein eigenes?

Mirna Funk: Mein Frauenbild ist zum einen durch meine ostdeutsche Sozialisation sowie meine jüdische Identität geprägt. Ich bin mit einer arbeitenden Mutter und zwei arbeitenden Großmüttern aufgewachsen. Das wird so gut wie keine Frau meines Alters in Westdeutschland erlebt haben – außer sie stammt aus einem Arbeiter-Milieu, wo beide arbeiten mussten –, denn da lag die Erwerbsquote bei gerade mal 51 %. Von diesen 51 % war ein Großteil auch noch in Teilzeit tätig. Im Osten lag die Erwerbstätigkeit bei 91 %. Das heißt, so gut wie alle Frauen waren finanziell von ihren Männern unabhängig, während im Westen Deutschlands so gut wie alle Frauen von ihren Männern finanziell abhängig waren. Finanzielle Abhängigkeit bedeutet auch geistige Abhängigkeit. Die Zahlen zur Erwerbstätigkeit der Frau sehen bis heute unterirdisch aus. Das erläutere ich ausführlich im Buch. Feminismus bedeutet für mich ein Miteinander auf Augenhöhe. Das lässt sich aber durch eine finanzielle Abhängigkeit nicht erreichen. Wer emanzipiert leben will, muss sich unabhängig von seinem Partner machen. 


NT: Welche Einflüsse haben Judentum und Berliner Kindheit darauf?

Mirna Funk: Mein Freiheitsbegriff ist ein jüdischer. Im Judentum gilt die Genesis als Ausgangspunkt der freien Wahl. Essen wir vom Baum der Erkenntnis oder nicht? Das Verbot hindert uns nicht daran, es zu tun. Das ist die eigentliche Erkenntnis. Das heißt, Freiheit findet immer im Rahmen unserer Möglichkeiten statt. Freiheit bedeutet nicht vogelfrei zu sein. Deswegen haben wir selbstverständlich eine freie Wahl, egal in welchem System und unter welchen Bedingungen wir leben. Dazu gehört die Wahl sich, als Frau finanziell abhängig zu machen oder eben nicht.


NT: Von der Freiheit, Frau zu sein. Auch hier würden dir sicher ein paar Feminist:innen widersprechen. À la „Frei als Frau sein, geht das überhaupt?” Aber den Diskurs wollen wir heute mal umschiffen. Was bedeutet diese Freiheit denn für dich ganz persönlich?

Mirna Funk: Wir müssen gar nichts umschiffen. Es ist völlig egal, welchem Geschlecht wir angehören. Seit der Aufklärung ist klar, dass der Mensch frei ist. Diese Freiheit macht aber auch Angst. Sehr große sogar. Das verstehe ich auch. Aber Freiheit bedeutet Verantwortung. Für sich selbst, für sein eigenes Leben. Es ist sehr einfach, dem Außen oder irgendeiner Entität die Schuld an seiner persönlichen Situation zu geben. Und selbstverständlich gibt es strukturelle Benachteiligung. Aber strukturelle Benachteiligung – und da kann ich als Arbeiterkind, das mit 17 Jahren das Elternhaus verließ und seitdem auf eigenen Füßen steht und sogenannter „Lohnarbeit“ nachgeht, ein Lied singen – bedeutet nicht, dass nichts geht. Es bedeutet nur, dass es vermutlich härter wird. Aber wer keine Wahl hat, der macht es möglich. Und das ist das eigentlich interessante: Arbeit ist kein Privileg. Nicht arbeiten zu müssen, allerdings schon. 


NT: Der Titel deines Buches “Who Cares!” ist dank des Ausrufezeichens Statement statt Frage. Quasi ein Mittelfinger an Cancel-Culture, Shit-Storms und Betroffenheitsmuster?

Mirna Funk: Das Ausrufezeichen ist die Erinnerung daran, dass wir hier alle in 100 Jahren tot sind und es absolut keine Rolle spielt, was Birgit, 33, aus Bottrop über einen denkt oder die eigenen Eltern oder der Partner oder die Freunde. Es ist die Erinnerung daran, dass wir frei sind und nur dieses eine Leben haben. Und es ist die Erinnerung daran, dass wir es sind, die entscheiden – niemand sonst – wie dieses Leben, das wir geschenkt bekommen haben, aussehen soll.


NT: Selbstwirksamkeit gleich „Machen statt Diskutieren” – so meine Interpretation deines Credos. Was können wir machen und was sollten wir weniger diskutieren?

Mirna Funk: Diskutieren ist gut. Meckern ist schlecht. Handeln ist am allerbesten. Zwischen einer Idee und der Exekution sollten nicht mehr als ein paar Stunden oder maximal Tage vergehen. Wer endlos grübelt, wer Bedingungen hat bevor er loslegen kann, der wird nicht in die Handlung kommen. Aber die schafft wirkliche Veränderung.


NT: Was glaubst du, ist der wichtigste, lebensveränderndste, essentiellste Punkt in deinem Buch?

Mirna Funk: Ich glaube, das wird für jede Frau ein anderer sein. Abhängig von der Lebensphase, in der sie sich befindet. Abhängig von den Fragen, die sie sich stellt.


NT: Was war deine letzte große Offenbarung?

Mirna Funk: Dass ich die Schnauze voll habe von labernden Männern. Ich habe immer so Laberprofis, die mir einen vom Pferd erzählen, aber keinen 'Effort' bringen. Damit bin ich sowas von durch. Auch, wenn ich 41 Jahre dafür werden musste. Auch eine Mirna Funk lernt nie aus.


NT: Who cares?

Mirna Funk: I care natürlich. Sonst hätte ich dieses Buch nie geschrieben.

 

We, do, too! Und deswegen findet ihr uns am 08. Juni auf Mirna Funks Lesung und After-Show Party im Borchardt Berlin, hier kommst du zu den Tickets – und zum Who Cares! Merch und Buch. 

 

 

Autorin:
Nele Tüch
Nele ist bei nevernot zuständig für Brand Partnerships und Content. Sie schreibt Artikel an den Schnittstellen von Themen, wie sexuelle Befreiung, Feminismus und Gender-Theorien.

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