Meet The Artist: Jaymy-Lee Hamer

nevernot: Du bist auf uns/nevernot zugekommen, ob wir mal was gemeinsames machen können. Zu dem Zeitpunkt haben wir gerade das ‚Make love - spread love‘ Kit geplant. Das Kit besteht aus einer Packung Tampons und dem Gleitgel. Zwei Euro davon werden an die großartige Organisation „Social Period“ gespendet, die sich für Periodenarmut einsetzt. Das hat perfekt gepasst und wir sind zusammengekommen. Du hast die sexy Illustration für das Gleitgel gemacht. Was hast Du dir bei der Gestaltung gedacht?

Jaymy-Lee: Menschen sind schon immer Thema in meiner Arbeit gewesen. Der Menschliche Körper fasziniert mich. Er hat diese weichen, fliessenden Linien und dennoch aufregende Formen und Ästhetik. Besonders interessant ist die Extase, wenn man sich mental fallen lässt und der Körper nur noch den Gefühlen folgt und nicht mehr dem Kopf. Ich glaube, dass gerade den Kopf auszuschalten, für viele so verdammt schwer geworden ist. Wenn man sich aber hemmungslos hingeben kann, ist das wohl eine der schönsten Formen von Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Mit den Illustrationen möchte ich die Nutzer*innen dazu auffordern sich frei zu fühlen, die Liebe ihrer Selbst zuzulassen, Ihren Körper zu zelebrieren und die Liebe zu spüren.

nn: Bei nevernot durften wir von deinen wunderschönen Illustrationen profitieren, hauptberuflich bist du Grafikdesignerin und baust dir gerade dein zweites Standbein als Fotografin auf. Was ist der Fokus deiner Fotoarbeiten?



Jaymy-Lee: Geschichten. Ich versuche neue Blickwinkel auf eigentlich vertraute Sichten zu geben. Ich liebe den Perspektivenwechsel und „das dahinter“ verstehen und auch zu vermitteln. Bei meiner Street Fotografie z.B., habe ich die Bilder in St. Pauli oft in schwarz-weiß fotografiert. Dadurch war man nicht abgelenkt von bunt blinkenden Neon Reklamen und Leuchttafeln. Der Blick auf die Clubs wurde runtergeschraubt, der pure Asphalt und die bröckelnden oder glänzenden Fassaden waren im Fokus. Bei den Menschen ist es ähnlich. Dort setze ich den Fokus auf die Story hinter der Person. Ich liebe authentische Persönlichkeiten. Ob auffällig oder in sich gekehrt, treu muss man sich sein. Und sich nicht darum scheren, was andere denken. Wenn mich eins wirklich interessiert dann ist es die geheime 'Otherside' eines Menschens. Und wenn ich Teil davon sein kann, indem ich diese Momente mit der Kamera festhalten kann, hüpft mein Herz. Tagsüber Büro, abends angeleint über die Reeperbahn kriechend? I love it. Do what you love.


nn: Wir sind beide Hamburgerinnen. Ein großer Teil deiner Arbeit spielt sich rund um die Reeperbahn ab. Warum? Was bedeutet St. Pauli für dich?


Jaymy-Lee: St. Pauli ist für mich Freiheit. Jede Richtung, Interessen, Ziele und Träume reichen sich hier die Hand. Hier kommt einfach ganz Hamburg zusammen. Und meine geliebten Gegensätze prallen hier aufeinander. Die Reeperbahn und ihre anliegenden Straßen sind wie ein Dorf. Jeder kennt hier jeden. Ich mag’s, dass es hier klare Grenzen gibt, und gleichzeitig auch gar keine Grenzen. Es ist immer ein Tanz zwischen dem Glück und Unglück des Lebens und die Kunst das Beste aus allem herauszuholen.
Das Nachtleben hat für mich schon immer seinen ganz besonderen Reiz gehabt. Es hat mich fasziniert dort zu arbeiten, wo andere feiern gehen. Gerade die Reeperbahn in Hamburg ist berühmt und berüchtigt für spannende Kiezgeschichten. Bunte Vögel, Laute Musik, Lachende, aber auch weinende Menschen und leuchtende Reklamen, wohin man auch sieht. Das hat meine Leidenschaft für's Bunte, Laute und Außergewöhnliche geprägt. Und auch mein zweiter Blick wurde hier geschärft. Nicht alles ist direkt so, wie es scheint. Seit 2012 arbeite ich auf und mit St. Pauli und habe die außergewöhnlichsten Erfahrungen gesammelt – lustige und auch harte Momente erlebt. Ich glaube das Viertel zeigt mir einfach immer wieder das Pure Leben.


nn: Illustratorin, Grafikdesignerin und Fotografin, dass du ‚eine Kreative‘ bist, ist klar. Aber wann wusstest du das und wie hast du dich für deinen beruflichen Werdegang entschieden? Hast du Tipps für junge Menschen, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen?


Jaymy-Lee: Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann und der inneren Stimme vertrauen sollte. Ich bin auf's Wirtschaftsgymnasium gegangen, sollte in der Wirtschaft Karriere machen. Aber anstatt dann BWL oder Politik zu studieren, war ich mir sicher, ich will nicht mein Leben lang im Büro arbeiten. Da war dieses Kreative in mir, ich wollte gestalten, erschaffen und loslegen! Ich bewarb mich bei einer Kunsthochschule und begann meinen bunten Werdegang. Ich hatte eine Uni, die jegliche Bereiche eines Kreativen darstellte, von Illustration, Editorial, Werbung, Video und Fotografie bis zum Coding und Typographie. Das Studium hat mir geholfen herauszufinden welche Job Möglichkeiten es im Designbereich gibt, um meine Stärken zu finden und Selbstbewusstsein für mich und meine Arbeit zu finden.
Während des Studiums habe ich schließendlich die Verbindung zwischen meiner Kunst und dem geliebtem Nachtleben gefunden. Durch eine Semesterarbeit fertigte ich die ersten Kiez Illustrationen an, und damit begann eigentlich meine künstlerische Laufbahn. Ich habe während des Studiums immer schon meinen eigenen Stil verfolgt und das empfehle ich jedem. Holt raus, was in euch steckt. Lasst euch von niemandem sagen, was das Beste für euch wäre. Wenn ihr wisst, was ihr wollt: Go for it! Seht euch um, welche Möglichkeiten ihr in eurem Bereich habt, und wie ihr eure Ziele erreichen könnt. Nicht lang schnacken, einfach machen! Denn eure Leidenschaft für etwas ist es, die euch alles erreichen lässt, habt Mut loszulegen!

nn: Hinter der Kamera, am Computer oder mit dem Pinsel. Die Art, wie du gestaltest, ist immer ganz anders. Was macht dir am meisten Spaß? Und was nervt?


Jaymy-Lee: Am geilsten ist es, wenn man so richtig im Flow ist. Zum Beispiel beim Malen und Illustrieren: Ich habe dann Musik an, etwas mit Power; Techno, Heavy Metal, oder Salsa. Manchmal bin ich aber auch einfach nur draussen mit Vogelgezwitscher. Dann verfalle ich in so eine Art Tunnelblick, oder ist es ist eher wie ein Pauseknopf? Ich bin dann nur in diesem Moment drin, vergesse alles um mich herum, bin einfach kreativ und kann mich so richtig in mein Projekt einfühlen. Dann gibt es nur mich und meine Kunst. Mir fällt es ansonsten schwer abzuschalten, man hat so viele Sachen im Kopf, die noch erledigt werden müssen, und das nervt, wenn du das Gefühl hast, nicht runterzufahren zu können.
Wenn ich meiner Leidenschaft einfach freien lauf lassen kann, ob beim Shooting, am Tablet oder vor der Staffelei, dann fühle ich mich irgendwie so erfüllt, ich bin dann in meinem Element, wenn ich laut, bunt und kreativ sein kann.


nn: Deine Arbeiten machen teilweise einen düsteren Eindruck und trotzdem sprühen sie vor Leben – sind empowering. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Wie sehr und wodurch hat er sich verändert?


Jaymy-Lee: Vor einiger Zeit habe ich einen tollen Satz gehört, der mich wirklich beschäftigt hat: „Ein Stern kann nur im Dunkeln leuchten.“ Er passt ganz gut zu meiner Arbeit. Ich habe gerade in den letzten Jahren viele schöne Momente gehabt, aber auch viele Schicksalsschläge. Und das lässt dich wertschätzen und nachdenken, was du in deinem Leben richtig machst, und was dir die Energie nimmt. Es sind immer wieder diese Gegensätze des Lebens, auf die ich treffe die mich so beeinflussen. Ich liebe es mit meiner Kunst diese Eindrücke festzuhalten und jeden damit zu inspirieren seinen Weg zu gehen und immer das Beste aus seinem Leben zu machen, egal wie hart es mal wird. Mein Motto: Nach der Ebbe kommt immer die Flut.

https://jaymyleehamer.de/

https://www.instagram.com/waterkant_/

März 08, 2021 — Katharina Trebitsch