Der Mythos von einer immer-feuchten Vulva

Warum bei vaginaler Trockenheit kaum jemand zu Expert:innen geht und was wir gegen das Problem tun können


Im Sexualkunde-Unterricht der sechsten Klasse wurden wir gefragt, wie sich die Lust beim Mann äußern würde. Wir wussten die Antwort alle, auch wenn wegen unserer Verlegenheit nur wenige die Hand hoben. Die kommende Frage war für uns viel schwieriger: Wie äußert sich die körperlicher Lust der Frau? Unser Schweigen hatte diesmal nicht nur etwas mit dem vermeintlich peinlichen Thema, sondern vor allem mit unserer Unwissenheit zu tun. Erst später ist das “Feucht werden” zum ultimativen Sex-Symbol geworden. Aber was, wenn es ausbleibt – und wir mit unserem Intimbereich auf dem Trockenen sitzen?


Jede dritte Frau* über 45 leidet unter vaginaler Trockenheit, statistisch gesehen leidet sogar jede Frau* mindestens einmal in ihrem Leben darunter. Vor allem in den Wechseljahren kommt das Problem immer häufiger vor. Aber nur weniger als die Hälfte spricht mit Expert:innen. Trotz einfacher Möglichkeiten das Problem zu lösen, lassen sich weniger als 4 % der Patient:innen behandeln. 


Aber woran liegt das? 

Wir können es nur vermuten, denn wie sonst meist auch beim “Nischen-Thema” Frauen*, gibt es keine Statistiken zur Stigmatisierung der vaginalen Trockenheit. Hier ein paar Erklärungsversuche: Super feucht zu sein, bedeutet oft sexuell erregt zu sein. Bleibt die Feuchtigkeit aus, haben wir das Gefühl mit unserer Libido stimme etwas nicht, wir würden unsere:n Partner:in nicht mehr hot finden, es sei gerade einfach eine ‘lowe’ Phase oder, in ganz schlimmen Fällen, wir selbst wären nicht mehr “sexy”. Denn Songs wie “WAP” suggerieren, dass eine feuchte Vulva nicht nur ein Indiz dafür ist, wie sehr man es selbst will, sondern auch, wie begehrenswert wir und unsere Geschlechtsteile von potentiellen Partner:innen gesehen werden. 


Wer noch nicht die magische Menopausen-Grenze überschritten hat, wird mit einem weiteren Vorurteil konfrontiert: Zu jung zu sein für vaginale Trockenheit. Gleichzeitig wird das Thema kaum kommuniziert, sodass uns oft nicht klar ist, wieviele Menschen das Problem mit uns teilen. Daher weiß kaum jemand, dass es einfache Therapie-Möglichkeiten gibt. Denn vaginale Trockenheit ist nichts, wofür wir uns schämen müssten, oder was wir aussitzen sollten. Wie andere Themen rund um das weibliche* Geschlechtsorgan, ist auch die vaginale Trockenheit ein ganz normales Phänomen, das oft vorkommt – egal, wie alt oder sexuall aktiv du bist. 


Spannend ist, dass kaum jemand sich Expert:innen zuwendet. Dabei kann eine trockene Vulva unglaublich unangenehm sein: Sie juckt, brennt, und führt zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Denn feuchter zu sein bedeutet nicht nur, dass du mehr Bock hast, sondern auch, dass die Verletzungsgefahr bei der Penetration geringer ist. Bei Trockenheit können die Schleimhäute einreißen, sodass ein erhöhtes Risiko für Entzündungen und Infektionen entsteht. Im Umkehrschluss ist eine feuchte Vulva sehr viel gesünder: Die Vagina ist ein sich selbst reinigendes Organ. Genügend Ausfluss bedeutet also, dass ihre Reinigungs- und Schutzfunktion funktioniert und du weniger leicht verletzt werden kannst. 


Aber woher kommt die vaginale Trockenheit, wenn nicht (nur) durch die Wechseljahre?

Vaginale Trockenheit kann viele Gründe haben: Am häufigsten sind hormonelle Schwankungen, die während der Wechseljahre, der Schwangerschaft, Stillzeit, aber auch innerhalb deines regulären Zyklus entstehen können – wenn du unter vaginaler Trockenheit leidest, achte mal darauf, ob das Problem regelmäßig zum gleichen Zyklus-Zeitpunkt auftaucht. Auch die hormonelle Verhütung, besonders mit Gestagenen, kann deine Vulva beeinflussen. Gleichzeitig ist die vaginale Trockenheit eine Begleiterscheinung bestimmter Krankheitsbilder: Diabetes, Endometriose, MS oder Bluthochdruck können deine Vulva austrocknen lassen. 


Ähnlich läuft das bei Zigaretten, Alkohol und Kaffee. Sie können unsere Blutgefäße verengen, so die Durchblutung beeinflussen und dadurch die Produktion unserer Vaginalsekrete hemmen. Denn ausreichend Durchblutung ist ‘Key’ für eine gesunde Vulva! Und auch wenn wir denken, wir tun ihr etwas Gutes, richten wir manchmal mehr Schaden an. Mit zu viel (und falscher) Intimhygiene, zum Beispiel, ruinieren wir unsere Vulva-Flora. 


Ein letzter Grund für die vaginale Trockenheit kann Überlastung sein, denn unsere Lust entsteht im Kopf und ist stressanfällig. Wer im Alltag also nicht runterkommen kann, wird eventuell auch nach Feierabend nicht so einfach unten kommen. Mehr Stress bedeutet weniger Lust – das kann sich in vaginaler Trockenheit, einer generellen Unentspanntheit und so auch in Orgasmus-Findungs-Störungen äußern. Denn die Durchfeuchtung beim Geschlechtsverkehr hängt von deiner Erregung ab.


Was können wir bei vaginaler Trockenheit tun?

Schließen wir direkt beim Punkt Entspannung an: Was relaxt dich? Versuche ein wenig mehr auf dich und deinen Körper zu hören. Leg dich in die Badewanne, lies ein Buch, geh zum Crossfit, mache Yoga, sortiere deine Schallplatten, lege eine lange Koch-Session ein, oder meditiere – Jede:r entspannt anders. Wer bei Bewegung den Kopf frei bekommt, schlägt direkt zwei Ursachen mit einer Aktivität, denn regelmäßige körperliche Betätigung regt die Durchblutung an, die wiederum zur Produktion von Vaginalsekret führt. 


Ein weiterer Weg zu Entspannen sind Orgasmus und Masturbation – greif zu einem Toy (wie dem 'Poet' von Smile Makers), eine:r Partner:in, dem Duschkopf, oder was dir sonst Spaß bereitet. Die Durchblutung wird angeregt und deine Schleimhaut bleibt aktiv. Wer akut Probleme mit vaginaler Trockenheit beim Sex hat, kann sich mit erotischer Lektüre (vielleicht von Berlinable?), Filmen oder einem langen Vorspiel, das besonders stark auf deine Fantasien eingeht, bei metaphorischem Wasser halten. 


Sollte in Down-Under dann immer noch Trockenzeit sein, greif einfach zum Gleitgel. Durch die geringere Reibung entstehen weniger Schmerzen und du kannst dich nicht nur physisch, sondern auch mental besser entspannen. CBD-Gleitgele (wie das CBD-infused Intimate Gel von nevernot) helfen sogar doppelt: CBD kann schmerzlindernd, entzündungshemmend, entspannend und durchblutungsfördernd wirken. Es ist also das ideale Produkt, um vaginale Trockenheit anzugehen. Auch Massage- oder Baby-Öle helfen. Aber achte unbedingt auf die Inhaltsstoffe und den richtigen PH-Wert. Parfums, Aromen und Chemie können deiner Schleimhaut schaden und der optimale PH-Wert für deinen Intimbereich ist keinesfalls neutral, sondern sauer! Am besten liegt er zwischen 3,8 und 4,4. Daher sind Gleitgele mit Milchsäure (enthalten in allen drei nevernot Intimate Gels) oder Östrogenen ideal für dein vaginales Milieu. Auch bei deiner Intimpflege-Routine solltest du auf die Inhaltsstoffe der Produkte achten. Am besten wäschst du dich mit klarem Wasser oder einer sanften Waschlotion, die auf den sauren PH-Wert der Vulva angepasst ist. Außerdem kannst du deine Kunstfaser-Panties gegen Baumwoll-Unterwäsche tauschen und während deiner Periode lieber Binden oder Soft-Tampons (unsere Kund:innen berichten, dass sie ihnen bei vaginaler Trockenheit während der Periode helfen) statt Baumwolltampons benutzen. 



Jeder Fall ist individuell, bitte lass dich von deine:r Ärzt:in beraten, da wir keine medizinischen Auskünfte erteilen dürfen. 

 

 

Autorin:
Nele Tüch
Nele ist Content und Social Lead von nevernot und schreibt Artikel an den Schnittstellen von Themen, wie sexuelle Befreiung, Feminismus und Gender-Theorien.